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Und da ist es mal wieder soweit: Deutschland packt für einen kleinen Moment seine antifaschistische (Wahlkampf-)Maske aus und wettert gegen Karsli, Möllemann und die FDP. Was war der Hintergrund? Möllemanns Aussage, Friedman würde durch seine gehässige Art den Antisemitismus in Deutschland fördern. Im ersten Augenblick natürlich eine ungeheuerliche Verallgemeinerung, aber denken wir doch mal ein bißchen weiter ... hat er etwa (aus einem kritisierendem Kontext heraus!) gar nicht so unrecht?
Was ich so mitbekommen habe herrscht in Deutschland eine mehr oder weniger ausgeprägte Antipathie gegen Friedman. Auch ich persönlich finde, dass er als Person verdammt arrogant und überheblich rüberkommt (zumindest hatte ich bisher beim Sehen seiner Talkshow in der ARD immer diesen Eindruck!). Meiner Meinung nach, tendieren die Deutschen (und wahrscheinlich nicht nur die) aber nun stark zu Pauschalisierungen. Und bei diesen Pauschalisierungen kann durchaus als Resultat folgender Trugschluss auftreten: "Friedman is'n arroganter Fatzke, noch dazu vertritt er durch seine Stellung beim Zentralrat der Juden die jüdische Bevölkerung, also sind Juden allgemein Scheisse!" So eine Folgerung muss nicht auftreten, aber durch "unser" deutsches Wesen sehe ich dafür zumindest eine grosse Gefahr. Wenn dem so ist, dass die Bevölkerung dazu neigt die Antipathie einer bestimmten Person gegenüber auf eine gesamte ethnische Personengruppe zu übertragen hätte Möllemann in gewisser Weise nichtmal unrecht gehabt ... die Frage ist jedoch erstens ob dieser bei seiner Aussage in dieselbe Richtung wie ich spekuliert hat und v.a. zweitens ob ER SELBST bei solchen Antipathien gegen einzelne Personen in hirnlose Verallgemeinerungstaktiken verfällt - dann nämlich wäre der Vorwurf des Antisemitismus vollkommen gerechtfertig!
Um meine Gedankengänge nochmal ein bißchen klarer darzustellen, ein anderes Beispiel in der selben Richtung - Ausländer: "Aha, da hinten pöbelt grad 'n Türke rum." Was folgern viele Ottonormaldeutsche? "Türken sind scheisse - die gehören weg!" Da wird nicht diese kleine, für die Pöbeleien verantwortliche Gruppe, sondern ein ganzes Volk für die Tat verantwortlich gemacht. Ist nunmal 'ne deutsche Krankheit. Möllemann hat zumindest das ausgesprochen was viele Leute insgeheim denken und v.a. auch machen: pauschalisieren! Man weiss nur nicht ob dies aus Überzeugung oder aus einer Kritik bzw. versuchten Warnung heraus geschehen ist!?
Ähnlich ja auch beim momentanen Nahost Konflikt. Die Leute kritisieren Israels staatliche Vorgehensweise, neigen dann jedoch oft dazu dieses staatliche Handeln mit einem allgemein jüdischen Willen in Verbindung zu bringen (geschieht übrigens auch oft in linken Kreisen, wenn auf linke Kritik an Israel gleich empört die Antisemitismus-Keule geschwungen wird ... wer das DIR YASSIN Interview gelesen hat weiss aber, dass diese solche Verallgemeinerungen für sehr problematisch und antisemitismusfördernd halten!). Nicht "die Juden" unternehmen Militärschläge in den Palästinensergebieten, sondern ein Staat, insofern muss auch jener Staat und nicht die Bevölkerung kritisiert werden - genauso wie ich nicht für den deutschen Angriffskrieg auf Jugoslawien verantwortlich gemacht werden will, wollen die (meisten) Juden nicht für die Militäraktionen in Palästina verantwortlich gemacht werden. Da die Deutschen aber gerne alles in einen Topf schmeissen folgern auch hier wiederum viele: "Ich bin gegen Israels militärische Vorgehensweise, also bin ich gegen die Juden!"
Das Ganze war jetzt mit Sicherheit etwas überspitzt dargestellt, aber ich glaube, dass viele Deutsche eine solche oder zumindest eine ähnliche Richtung einschlagen und hier liegt die Gefahr: einzelne Mitglieder einer bestimmten (ethnischen) Gruppe werden aus irgendeinem Grund abgelehnt oder kritisiert und sofort hat die komplette entsprechende (ethnische) Gruppe das Problem mit einer oftmals ablehnenden Haltung ihr gegenüber konfrontiert zu werden ...
Das Problem an sich liegt bestimmt an uns Deutschen. Wer sagt "Die Juden sind am Antisemitismus selbst schuld!" ist ein völlig verblendeter Spinner: unsere vorschnelle Pauschalisierung ist wenn dann mitunter dran schuld. Nur solange diese nicht unterdrückt oder gar gänzlich ausgemerzt ist passiert es immer wieder, dass aus Ablehnung gegenüber bestimmten Personen eine Ablehnung gegenüber ganzer Gruppen resultiert - und davor muss eindringlichst gewarnt werden und darauf müssen sich die entsprechenden Gruppen trauriger Weise wohl auch einstellen ... als denn: Kampf dem Antisemitismus! Auf dass die Deutschen endlich das Denken anfangen!
Anmerkung: Dieser Text soll Möllemanns Aussagen in keinster Weise verharmlosen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die hier aufgeführten Punkte nichts mit seiner Motivation, diese Vorwürfe zu machen gemein haben - dementsprechend gibt es für sein Verhalten auch keine Entschuldigung!!! Mir ging es nur darum klar zu machen, dass die Deutschen eben sehr wohl dazu neigen von einer Person auf mehrere zu schliessen und dass Möllemann somit unbewusst eine treffende Aussage gemacht hat, die unserer Gesellschaft, aber auch ihm selbst mal den Spiegel vors Gesicht hält und die traurige Realität in ihrer gesamten Ausmasse präsentiert ...

06.06.2002