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Den Staat als unmittelbarsten und wuchtigsten Zwangs- und Herrschaftsapparat
gibt's nicht mehr. An seine Stelle tritt die Gesellschaft selber, das heisst
sämtliche öffentliche Angelegenheiten werden durch Diskussion
und freie Debatte geregelt ohne dass es noch irgendeinen Gewaltapparat
zur Durchsetzung getroffener Entscheidungen gibt. Das Fehlen von politischer
Gewalt ist ausserdem eine Garantie dafür, dass bis zum Ende gestritten
wird - die Entscheidung wirklich für alle tragbar ist. Sonst ist sie
nämlich nicht durchsetzbar. Das soll nicht gehen? Es werden sich niemals
alle Menschen über alles einig sein? Das will auch niemand - und auch
nicht die Anarchisten. Es ist ein Unterschied zwischen aktiver Zustimmung
und nicht dagegen sein. Die Entscheidungsstrukturen in der Anarchie funktionieren
- und zwar auf allen Ebenen und bei allen anstehenden Fragen - nicht nach
dem Mehrheits-, sondern nach dem Konsensprinzip. Das heisst, dass am Schluss
niemand mehr in einer bestimmten Sache Einspruch erhebt.
Auf das Konsensprinip bestehen wir deshalb so sehr, weil in jedem anderen
Fall erst wieder Macht und Gewalt gegen die Minderheit nötig und das
der erste und auch schon wichtigste Schritt zur Etablierung einer neuen
Herrschaft wäre.
Vom basisdemokratischen Prinzip und dessen Übertragung auf die
Gesellschaft halten wir eben aus diesem Grund nicht viel. Aber auch rätedemokratische
oder anarchosyndikalistische Modelle mit ihrer strikten Wählbar- und
Verantwortlichkeit von oben nach unten, ihren Branchenverwaltungen usw.
eignen sich unserer Ansicht nach für eine anarchistische Gesellschaft
nicht.
Weil es da noch immer ein oben und unten gibt! Dieser Einwand ist einerseits
zutiefst wahr, greift andererseits zu kurz.
Weil eine anarchistische Gesellschaft nicht horizontal gegliedert sein
darf, nicht vom Olymp bis in die Niederungen des Daseins. Sich jeder und
jede bei jeder Entscheidung zu jeder Zeit einmischen können muss.
Natürlich gibt es Fragen, die nur ein Grätzl betreffen, andere
eine ganze Stadt, wiederum andere die ganze Welt. Und natürlich braucht
das verschiedene Strukturen. Aber die unmittelbare Möglichkeit zur
Anteilnahme muss trotzdem bestehen. Wahrscheinlich werden die Formen verschiedene
sein: vielleicht wird die Frage ob man in der Gasse neue Strassenlaternen
braucht in einer Versammlung aller Bewohner entschieden und über eine
Stadtautobahn in vielen verschiedenen Treffen diskutiert wo man dann ungefähr
eine Tendenz der Meinungen ableiten kann. Wahrscheinlich wird über
ein neues Stahlwerk in den Spalten der Tagespresse entschieden, wo jeder
schreiben kann und über ein neues Verkehrskonzept, das für die
nächsten 20 Jahre gelten soll, alles das zusammen gemacht werden wird.
Ziemlich sicher werden sämtliche Diskussionsbeiträge auch über
das Internet zugänglich sein. Und wahrscheinlich werden die Leute
über so etwas unsinniges und lebensbedrohliches wie ein Atomkraftwerk
nicht einmal fünf Minuten reden, weil dessen Wahnwitz offensichtlich
ist.
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