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Und mal wieder ist es passiert: ein ehemaliger Schüler läuft in seiner alten Anstalt Amok, streckt 16 Menschen und sich selbst nieder und wieder einmal stellt sich die grosse Frage nach dem "warum". Tja, was bringt einen Menschen dazu amokzulaufen? Mein erster Gedanke wäre ja erstmal: völlige Verzweiflung. Ein Mensch der dem allgegenwärtigen Leistungsdruck nicht mehr standhält. Ein Mensch der, wie jeder in dieser Gesellschaft, überall auf höchste Erwartungen stösst, diese aber nicht erfüllen kann. Ein Mensch auf dem wie so oft mit dem Finger gezeigt wird, weil er den ständigen Druck nicht aushält und die von ihm erwarteten Leistungen nicht bringt. Da kann es in dieser vermeindlich aussichtslosen Situation schonmal zu dem einen oder anderen Aussteiger kommen.
Wir leben nunmal in einer Gesellschaft die auf Leistungsdruck basiert. Die einen verkraften ihn, den anderen ist er scheissegal und sie ziehen ihr eigenes Ding durch und wieder andere werden eben nicht mit ihm fertig und müssen diese von ihnen verspürte Hilflosigkeit, aber auch die dadurch entstehenden Minderwertigkeitsgefühle auf irgendeine Art kompensieren - und da hat jeder seine eigenen Methoden. Die einen schaffen die Kompensation friedlich, die anderen schaffen sie gar nicht und zerbrechen an Depressionen und Selbstmitleid und wieder andere fühlen nur durch Gewaltausbrüche ein befreiendes Gefühl. Was sie treibt ist meiner Meinung nach auch kein wirklicher Hass, sondern wie schon gesagt totale Verzweiflung.
Man kann solche Taten mit Sicherheit nicht rechtfertigen oder entschuldigen, aber ich kann sie zumindest verstehen. Ich verstehe, dass manche Leute den ganzen Scheiss - jeden Tag wieder - einfach nicht mehr aushalten. Und was macht die Öffentlichkeit? Was die Medien? Was die Politiker? Sie verteufeln wieder die bösen, bösen Computerspiele, Filme und "Metalbands" wie SLIPKNOT und Konsorten anstatt sich mit den wirklichen Problemen zu beschäftigen. Es müssen schärfere Kontrollen her! Keine Rücksicht! Keine Gnade! Allerdings auch keine Beseitigung der wirklichen Ursachen. Schnell irgendwelche Sündenböcke hervorzaubern, damit bloss nicht weiter nachgefragt wird - man könnte ja noch draufkommen, dass u.a. unsere moralisch ach so hochwertige Gesellschaft etwas mit solchen Amokläufen zu tun haben könnte!? Aber keine Angst: die Leute wollen ganz einfach gar nicht realisieren, dass solche Ausbrüche nicht mit irgendwelchen virtuellen Welten oder musikalischen Hörgewohnheiten zu erklären sind. Sie wollen nicht verstehen und auch nicht einsehen, dass es die gesamte Struktur, die gesamte Basis unseres Systems ist, die in so vielen Menschen Verzweiflung und Hilflosigkeit auslöst. Und wie gesagt: nicht jeder ist dazu in der Lage diese Verzweiflung auf "geeignete" Art und Weise zu kompensieren!?
Schon bald wird diese Tat wieder aus den Köpfen der Menschen verdrängt worden sein. Genauso war es mit Freising, genauso wird es auch hier passieren. Und warum? Weil sie sich nicht mit dem Problem an sich, sondern nur mit der durch das Problem verursachten Tat auseinandersetzen (wollen). So wie es halt immer ist: wir versuchen grundsätzlich nur die (negativen) Folgen wieder auszubügeln anstatt uns mal intensiv um die Ursachen zu kümmern. Nicht die letztendliche Tat ist das Problem - sie ist nur der dadurch verursachte Effekt - wir sind es!

28.04.2002